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VON ANDREAS SPEEN - zuletzt aktualisiert: 18.02.2010
Erkelenz (RP) Für den herannahenden Braunkohletagebau wird der kleine Ort Pesch als erster in Erkelenz aufgegeben. Am Mittwoch begann der erste Abriss. Bis auf das Fundament wird das alte Rittergut abgetragen, dann kommen die Archäologen.

Das alte Rittergut in Pesch wird abgerissen. Am Mittwoch sind die wochenlangen Arbeiten begonnen worden, die einen Einschnitt in der Heimatgeschichte markieren: Damit wird das erste Gebäude auf Erkelenzer Boden für den herannahenden Braunkohlentagebau fortgenommen. In einem Brief waren die verbliebenen Einwohner in Pesch von RWE darauf hingewiesen worden, dass ab Januar damit zu rechnen sei.
Mit weißen Anzügen und Masken vor dem Mund schützen sich die Arbeiter, die in dem rechteckigen Innenhof des Gutes zusammenstehen. Ihr erster Schritt wird sein, Asbest aus den Gebäuden zu entfernen sowie Fenster und Türen auszubauen. Danach folgt der Abriss. Zuerst werden es die seitlichen Gebäudeteile sein, erläutert Rainer Schmitz, der den Abbruch leitet. Vor dem Rittergut stehen die ersten Container.
"Wie viele wir letztlich füllen, können wir noch nicht sagen. Auch wie lange wir benötigen, können wir nicht genau sagen. Das hängt zum Beispiel davon ab, wie viel Holz wir aus den Gebäuden holen", sagt Schmitz. Schwere blaue Maschinen stehen für die Arbeiter bereit. Sie wissen um die Gefühle der Menschen in Pesch, sagen aber über sich selbst: "Das ist ein Abbruch wie andere auch."
"Das treibt uns auseinander"
"Nervlich belastend" sei die neue Situation, sagt Hermann-Josef Felten, der vor 70 Jahren in der östlichsten Ortschaft von Erkelenz geboren wurde und dort wohnt. Ihm steht die Umsiedlung noch bevor, aber: "Man fühlt sich herausgetrieben." Andere bewerten den Abriss der ersten Gebäude noch härter, sagt Felten, der sich im Bürgerbeirat engagiert. Während er seine Entschädigung mit RWE schon ausgehandelt habe, seien bei Freunden und in der Familie noch nicht alle Verhandlungen abgeschlossen.
"Im Bürgerbeirat haben wir immer gefordert, dass in Pesch nicht abgerissen werden darf, solang noch verhandelt wird – es ist traurig, aber die jetzige Situation treibt uns auseinander. Es wäre menschlich besser gewesen, zuerst zu Ende zu verhandeln. Für die Verbliebenen ist es keine Verhandlungsbasis, wenn sie Druck von RWE durch die ersten Abrisse bekommen."
Das Rückbaukonzept von RWE sieht vor, dass jetzt das leerstehende Rittergut bis zum Fundamt und die zwei Bungalows im benachbarten Park weggenommen werden. Der Park auf dem Areal am westlichen Ortsrand soll nicht betroffen sein. "Wir begegnen damit einem großen Gefahrenpotenzial, das wir aus unserer Erfahrung heraus kennen", sagt Andre Bauguitte, Pressesprecher von RWE Power.
Quelle: RP
| Erkelenz: Pesch: Abriss hat begonnen (RP ONLINE, 18.02.2010) |
ANDREAS SPEEN - zuletzt aktualisiert: 18.02.2010
Kommentar (RP) Wichtiger Punkt in der Geschichte
Als einen "unwiederbringlichen Schritt" bezeichnet Dr. Hans-Heiner Gotzen, Erster Beigeordneter von Erkelenz, den Beginn der Abrissarbeiten am Rittergut in Pesch. "Es wird nun Wahrheit, dass ein Stück unserer Heimat verloren geht." Er fordert auf: "Wir dürfen an diesem gravierenden Schritt nicht verhaften, sondern müssen den Menschen an den neuen Orten eine Perspektive bieten."
Die bevorstehenden Arbeiten in Pesch sollen die verbliebenen Bewohner so gering wie möglich belasten, sagt RWE. Deren Pressesprecher Andre Bauguitte erklärt: "Die vorbereitenden Arbeiten haben begonnen, der eigentliche Abriss erfolgt ab etwa nächster Woche." Gewiss sein dürften die Einwohner, dass nicht neben oder gegenüber bewohnter Gebäude abgerissen werde. Das sei durch das Rückbaukonzept geregelt. Dass sie überhaupt in einem Ort leben, in dem schon Häuser für den herannahenden Tagebau fortgenommen werden, habe gute Gründe: "In so großen Anlagen wie dem Rittergut haben wir vermehrt Vandalismus und Fremdmüll, der abgeladen wird. Wir haben in Pesch sehr früh mit dem Rückbau begonnen, um die anderen Bewohner nicht dadurch zu belasten."
Ein positiver Nebeneffekt nutzt den Archäologen. Abgerissen wird das Gut lediglich bis zur Bodenplatte, was Bau- und Denkmalpfleger begleiten. Danach kommen die Archäologen, um das Bodendenkmal zu untersuchen und kartografieren. "Sie bekommen für ihre Arbeit dadurch mehr Zeit", sagt Andre Bauguitte.
Mehr als 50 Haushalte hat es einst in Pesch gegeben, 45 sind laut Hermann-Josef Felten aus dem Bürgerbeirat bereits aufgegeben worden. Viele Nachbarn hatten früher Katzen, die mit umgesiedelt sind. "Zehn bis 15 Katzen füttern wir heute hier im Ort, die sind die fünf bis acht Kilometer wieder zurückgekommen", erzählt Felten und ergänzt: "An den Tieren sieht man, was Heimatverlust ist."
In der Geschichte der Stadt Erkelenz wird der gestrige Tag einmal einen wichtigen Punkt markieren: Mit dem Abrissbeginn des ersten Gebäudes auf heimischem Boden für den nahenden Braunkohletagebau wurde aus einer langen Diskussion um das Für und Wider des Tagebaus und dessen Folgen für die Kultur- und Naturlandschaft Realität. Dass zuerst ein markantes Gebäude, ein Rittergut mit Geschichte bis zurück ins Jahr 1265, abgetragen wird, weckt bei den Menschen im Erkelenzer Lande ein erstes Gefühl davon, was in den nächsten Jahren in etlichen Orten südöstlich der Innenstadt, die umgesiedelt werden, geschehen wird.
Quelle: RP
| Kommentar: "Nun wird es Wahrheit" (RP ONLINE, 18.02.2010) |